shots | Berlinale: Systemsprenger, By the Grace of God, Öndög

Zwei Meisterwerke im Wettbewerb

09.02.2019

Der zweite Berlinale-Tag ist besser als das gesamte Programm des letzten Jahres, findet unser Reporter Christian Eichler. "Systemsprenger" und "By the Grace of God" bringen das Festivalmotto auf den Punkt: Das Private ist politisch. Und verdammt kompliziert.

Systemsprenger

So werden Kinder genannt, die das deutsche Erziehungs- und Betreuungssystem nicht mehr aufnehmen kann. Sie sind nicht vermittelbar, zu jung für die geschlossene Anstalt, zu aggressiv für die Familien- oder Heimbetreuung. Nora Fingscheidts Spielfilm-Debüt begleitet die Neunjährige Benni durch diese Institutionen. Dabei findet der Film keine einfachen Lösungen, weil dieses Problem kein einfaches ist. Benni ist von so viel Hass durchtrieben, wie sie eigentlich Liebe bräuchte. Aber diese tiefe Geborgenheit kann das System ihr nicht geben. Ein einfühlsamer, erwachsener Film, der einfache Lösungen scheut und in dem Helena Zengel als Benni brilliert.

„Mit dieser Schauspielleistung kann man Granit zum Bersten bringen.“ Christian Eichler, für detektor.fm auf der Berlinale

By the Grace of God

Dass Opfer nicht schwach sein müssen, zeigt François Ozon in seiner eindringlichen Charakterstudie dreier Männer, die alle als Kinder von einem katholischen Priester missbraucht worden sind. Zusammen gründen sie den Verein „La Parole Libérée“ (Das befreite Wort). Dabei interessiert Ozon nicht nur das Innenleben der Kirche, sondern die Frage, wie Menschen ein solches Schicksal bearbeiten, ja besprechen können. Denn das befreite Wort ist auch die Leitlinie dieses Films. Hier wird nichts verschwiegen, hier kommt alles auf den Tisch. So schön, so klar und so ehrlich, ist Kino selten. Der Film beruht auf wahren Begebenheiten, die gerade noch vor Gericht verhandelt werden.

Öndög

In der mongolisch Steppe reisst ein Wolf eine Frau. Ein unbeholfener Jungpolizist soll die Leiche bewachen. Hilfe erhält er dabei von einer Viehhirtin, die nur „der Dinosaurier“ genannt wird, sonst ist nämlich niemand in der Nähe. Selbstbewusst beschützt sie das junge Greenhorn mit ihrem Jagdgewehr vor Wölfen. Der chinesische Regisseur Quan’an Wang stellt in weiten Winkeln eine Liebe aus, die keinen Bestand haben wird und eine andere, die erst nach Ewigkeiten zu knospen beginnt. Leider ergeht er sich dazwischen immer wieder in Alltags-Bewältigungs-Aufnahmen, die sich den Zuschauern nicht wirklich erschließen. Warum müssen wir sehen, wie ein Schaf geschlachtet, ein Kalb geboren, und ein Schwangerschaftstest vollgepinkelt wird?

Über den zweiten Berlinale-Tag spricht detektor.fm-Reporter Christian Eichler mit Malte Springer vom Leipziger Programmkino Schaubühne Lindenfels.


shots – Der kritische Film-Podcast

Jede Woche zankt sich detektor.fm-Filmkritiker Christian Eichler mit Freunden und Kollegen über einen aktuellen Film. Dabei ist es egal, ob der im Kino, auf Netflix oder im Fernsehen anläuft. Angedickt wird das Ganze durch ein hintergründiges Interview und einen kurzen Überblick über weitere Kino- und Streaming-Starts.


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